
Bischof Dr. Konrad Zdarsa (Görlitz)
"Dass nämlich Berufung und Sendung des Bischofs vornehmlich darin bestehen, bei sich und allen, die ihm anvertraut sind, die Offenheit für das Wunder lebendig zu erhalten", sagte der Bischof von Görlitz in seiner Predigt.
Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonischen Dienst!
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Vielleicht geht es uns öfter so, als wir es wahr haben wollen: Wie sagen etwas dahin, was wir nicht genug überdacht, nicht genug reflektiert haben. Erst im Nachhinein wird uns so richtig bewusst, was wir gesagt haben. Oder wir müssen es uns bewusst machen. Verhängnisvoll kann das bei einer Prüfung sein. Wie ich seinerzeit dem Professor auf seine Prüfungsfrage nach allen Ausführungen das vielsagende Wort hinzufügte: Gott ist uns näher, als wir uns selber sind, - und er mich fragte, was das denn bedeute, wie das denn zu verstehen wäre. Ich hatte es einfach so mit dem Traktat gelernt und daher gesagt. Da musste ich erst einmal überlegen. In der Prüfung eigentlich ziemlich spät. Seit dem aber kann ich jedem erklären, wie es gemeint ist.
Wie Sie alle verstehen werden, wurde ich in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder nach der Kirche und meinem Bistum gefragt. Wie ich deren gegenwärtige Situation einschätze usw. Nicht selten habe ich abschließend darauf geantwortet: Wenn 1989 bei der politischen Wende schon Menschen, die nicht gläubig waren, von einem Wunder sprachen, sollten dann nicht erst recht wir, die Gläubigen, auf das Wunder von Gott hoffen dürfen? Bei meinem Bemühen, alle Fragen möglichst redlich zu beantworten, bin ich mir im Nachhinein gar nicht so sicher, ob ich von dem, was ich da gesagt habe, wirklich zutiefst überzeugt und zuinnerst beseelt bin, oder ob ich mich mit dieser Antwort doch nur mehr oder weniger gekonnt rhetorisch aus der Schlinge gezogen habe. – Oder , ob es mir in diesem Moment gegeben worden ist, so zu antworten und nun vor mir die Aufgabe liegt, mich in allem meinen Tun und Lassen mehr und mehr damit zu identifizieren und mein Leben wie meinen Dienst immer mehr danach auszurichten. Wobei uns wieder einmal mehr aufgehen kann, dass Gott uns näher ist, als wir uns selber sind, und jede seiner Gaben für uns immer wieder zur Aufgabe wird.
Nach zwanzig Jahren bischöflichen Dienstes ist es wohl mehr als angebracht und erlaubt, einmal inne zu halten und darüber nachzudenken, worin denn dieser Dienst im wesentlichen besteht, womit man ihn möglichst umfassend beschreiben könnte oder er sich in wenigen Worten zusammenfassen lässt. Wir könnten dazu freilich gewichtige Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils oder wenigstens das Direktorium für den Hirtendienst der Bischöfe zu Rate ziehen, um eine theologisch saubere, umfassendste und kaum anfechtbare Antwort auf diese Fragen zu bekommen. Zunächst aber habe ich Bischof Joachim Reinelt selber gefragt, was er denn auf den ersten Blick als die bedeutsamsten, einschneidendsten Ereignisse in seinem bischöflichen Leben bezeichnen würde. Heute noch bin ich froh und dankbar dafür, dass er nicht damit begonnen hat, chronologisch und schön der Reihe nach auf-zuzählen oder mir im Nachhinein noch einen Überblick zuzusenden. E i n E r e i g n i s aber, ganz am Anfang seines Dienstes als Bischof nannte er mir nach kurzem Überlegen doch: Das nämlich, was wir wieder einmal gänzlich unreflektiert und sogar in Übernahme aus dem Munde eines dafür nun nicht gerade kompetenten Menschen schlicht und einfach dennoch immer wieder als d i e
W e n d e bezeichnen. Aber ganz gleich: Ob Wende oder friedliche Revolution. In diesem Zusammenhang kam es mir in den Sinn. Ob nicht gerade damit Sinn und Zweck des bischöflichen Dienstes zu jeder Zeit ganz allgemein und treffend zugleich umschrieben werden kann: Dass nämlich Berufung und Sendung des Bischofs, seine Aufgabe und sein Dienst vornehmlich darin bestehen, bei sich und allen, die ihm anvertraut sind, die Sehnsucht aber auch die Offenheit und Bereitschaft für das Wunder lebendig zu erhalten?!
Der Hl. Augustinus jedenfalls definiert damit unser ganzes Leben: Uns in der Sehnsucht zu üben. Uns in der Sehnsucht zu üben nach dem, das wir uns nicht selber schaffen können, das wir uns auch niemals hätten vorstellen können, mit dem wir aber auch, nachdem es eingetreten ist, aus eigener Vollmacht und eigenem Vermögen gar nichts so recht anfangen können. Denn schon das, was da sogar Ungläubige als Wunder meinten bezeichnen zu müssen, durfte nicht nur konstatiert und verwaltet, sondern musste empfangen, aufgenommen und gestaltet werden. Chancen, die sich auftaten, mussten ergriffen, Gelegenheiten beim Schopfe gepackt, Tatkraft und Opfermut vieler geweckt, ermutigt und gewonnen werden. Mit dem neuen befreiten Dasein musste auch auf neue Weise umgegangen werden. Was einmal eröffnet worden war, für die Zukunft erschlossen werden. Dabei bewegen wir uns bei alledem immer noch in irdischen Kategorien.
Glauben, - so lautete einmal das Leitwort einer Jugendwallfahrt in unserm Bistum – Glauben heißt: mit einer Verheißung unterwegs sein. Die Sehnsucht und die Offenheit für das Wunder am Leben zu erhalten, bedeutet letztlich, im Glauben unterwegs zu bleiben, in der Hoffnung auf das, was der Apostel Paulus im Nachgang zum Propheten (Jes 64,3) an die Korinther als den Inhalt seiner Verkündigung beschreibt: nämlich, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben (1 Kor 2,9). Immerhin dient auch die kirchenamtliche Feststellung eines Wunders bei der Kanonisierung eines Menschen, der heiligmäßig gelebt hat, der Verherrlichung Gottes und der Verkündigung der Frohen Botschaft, der Ehre Gottes und dem Heil der Menschen.
In diesem Jahr ist es noch gar nicht lange her, da wir es festlich begangen haben, dass uns Gottes Herrlichkeit in Jesus Christus sichtbar erschienen ist, damit auch wir fähig werden, alles zu Gottes Verherrlichung zu tun (vgl. 1 Kor 10,31).
Aber das wahre Wunder kommt allein von Gott (Röm 15,19; 2 Kor 12,12; vgl. 1 Kor 12,28.29; Gal 3,5; Hebr 2,4). Sogar der Menschensohn verweist auf den Vater, der allein die Plätze zu seiner Rechten und zu seiner Linken zu vergeben hat (Mt 20,23). Sich danach zu sehnen, sich danach auszustrecken, und dafür offen und bereit zu werden, ist eine lebenslange Aufgabe. Eine Aufgabe, die immer wieder von neuem angegangen werden muss, ein Weg, der immer wieder neu gegangen werden will.
Darum erschöpft sich die Berufung des Hirten auch nicht etwa darin, dazu nur die ihm Anvertrauten immer wieder zu ermutigen und zu befähigen, die Sehnsucht und Bereitschaft für das Wunder nur bei den anderen am Leben zu erhalten, sondern zunächst und zuerst – gleichsam als Grundvoraus-setzung – steht er selber in dieser Tradition, ist als Bischof selber hineingenommen in die Lernnachfolge der Apostel: Sich mehr und mehr führen zu lassen – und möglicherweise auch einmal dorthin, wohin er nicht sogleich selber gehen will (Joh 21,18).
Von der allzu nahe liegenden, vielleicht sogar manchmal von Selbstsucht und Eigennutz bestimmten Auswertung des Wunders weg – hin zur immer besseren Nachahmung dessen, der das Wunder von Gott schlechthin verkörpert (vgl. Mt 20,21), der aber nicht festgehalten hat an seinem Gottgleichsein, sondern sich entäußerte, wie ein Sklave wurde und den Menschen gleich, der sich erniedrigte und gehorsam war bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,6 ff).
Das ist es, was Jesus Christus selbst in ungleich nachsichtiger, pädagogisch feinfühliger Weise seinen Jüngern nahe bringt (Mt 20,25 ff). Da berühren sich nicht nur Himmel und Erde, sondern damit ermöglicht er selber allen Menschen die Erfahrung des Wunders von Gott.
Das ist es, worin der priesterliche und bischöfliche Dienst aufgehen darf und schließlich vollendet werden soll, wonach sich der Jünger im bischöflichen Dienst immer wieder ausrichten und wobei er den ihm Anvertrauten vorangehen muss. Dessen Herrlichkeit und Größe Gott ihn durch sein Leben hindurch immer wieder einmal erahnen und aufscheinen lässt, dessen Fülle er und die Seinen aber von Gott als ewige Gabe und Geschenk erhoffen dürfen.
Das und nicht weniger wünschen wir von Herzen Bischof Joachim Reinelt und allen, die wie er von Gott in seinen Dienst gerufen sind.
Amen
Dresden, 20.02.2008, zum 20. Jahrestag der Weihe von Bischof Joachim Reinelt
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