Christus ist uns voraus und zugleich nahe
Osterbotschaft von Bischof Heinrich Timmerevers 2026
Seit Aschermittwoch hängt in unserer Kathedrale ein Fastentuch, das man nicht „übersehen“ kann: Eva Petričs Collective Heart. Wo sonst Anton Raphael Mengs’ Altargemälde „Himmelfahrt Christi“ den Blick auf den Auferstandenen nach oben öffnet, ist nun das Werk der slowenischen Künstlerin zu sehen: ein textiles Geflecht, ein Netz aus Spitzendeckchen, Bändern, Stofffragmenten – wie ein übergroßes Herz, zusammengenäht aus Stoffstücken, hinter denen viele Leben zu finden sind.
Stoffspitze ist ja nicht nur Dekor. Sie steht für mich vor allem für Arbeit, Geduld, Erinnerung. In diesem Tuch stecken Decken, die durch Generationen wanderten, Geschenke zu wichtigen Wegmarken des Lebens. Da ist etwa ein rotes Deckchen, beschädigt – und gerade deshalb bewahrt, weil es ein kostbares Geschenk war. Da ist ein Brautschleier, der von der Großmutter zur Enkelin spricht: vom Ja zum Leben, von Weitergabe, von Vertrauen. Und auch Spitzenbänder aus einer Geschäftsauflösung sind darin zu finden. Sie erzählen davon, dass Existenzen scheitern können – und das Leben dadurch dennoch nicht wertlos wird. Viele Gemeindemitglieder haben Stücke gebracht, damit die Künstlerin sie in neuen Projekten weiterträgt. So wird das Tuch zu einem kollektiven Herzen: Menschen bringen sich selbst mittels ihrer Lebenserfahrungen mit ein – mit Freude, Verlust, Bruch und Hoffnung.
Botschaft für unsere Zeit
Außergewöhnlich ist: Wir lassen es in diesem Jahr über Ostern zumindest teilweise hängen. Ich habe darum gebeten, weil mir ein Gedanke wichtig geworden ist. Hinter all diesen „Decken unseres Lebens“ steht der Auferstandene. Christus ist nicht im Tod geblieben. Er ist uns voraus – und zugleich nahe: hinter unseren Tagen, hinter dem Gelungenen und hinter dem, was wehtut.
Vielleicht liegt darin auch eine Botschaft für unsere Zeit. Wir leben in Jahren, in denen viele Zuversicht und Hoffnung vermissen. Nicht nur junge Menschen fragen angesichts einer fragilen Welt, was Halt und Orientierung schenken kann. Gerade dann erscheinen einfache Botschaften verführerisch: der Rückzug auf den eigenen Wohlstand, die Abschottung gegen alles Fremde, die Sorge nur um das Eigene. Ostern widerspricht dieser Logik. Denn im Zentrum steht hier nicht ein Held, der sich nach dem „Gesetz des Stärkeren“ durchsetzt, sondern ein Mensch, der sich aus Liebe hingibt. Einer, der das Leid nicht auf Abstand hält, sondern es an sich heranlässt. Vielleicht berührt diese Geschichte bis heute gerade deshalb: weil in ihr sichtbar wird, dass Würde auch dem Verwundeten bleibt, dass das Zerbrochene nicht verloren ist und dass Hoffnung selbst dort noch aufscheinen kann, wo man längst nur mit Verlust rechnet. So gehört auch das Verwundete mitten hinein in unser „kollektives Herz“.
Die Osterevangelien erzählen, wie schwer es war, den Auferstandenen zu erkennen: verwechselt als Gärtner, unerkannt auf dem Weg nach Emmaus, erkannt erst am Tisch. Vielleicht braucht es genau das: ein Durchschauen. Spitze lässt Licht hindurch. Bitten wir den Herrn, dass wir im österlichen Licht durch die Stoffe unserer Biografie hindurch seine Gegenwart entdecken. Und dass wir gerade darum auch anders aufeinander schauen: hoffnungsvoller, geduldiger, menschlicher. Denn wer an die Auferstehung glaubt, kann sich nicht mit einer Welt abfinden, in der Angst und Egoismen das letzte Wort haben soll.